Multitasking das Produktivitätsmärchen
Was dein Gehirn beim Multitasking tatsächlich macht.


Multitasking gilt als Stärke. Doch ist es das wirklich?
Stell dir vor, du stehst beim Klettern in einer steilen Nordwand. Unter dir 500 Meter saugende Tiefe. Der letzte Haken ist sechs Meter unter dir, der nächste zwei Meter entfernt. Du stehst mitten in der Schlüsselstelle. In der linken Hand hast du einen schlechten Griff. Deine rechte sucht den nächsten. Dein linker Fuß steht auf einer winzigen Kante und du überlegst, ob du dein Gewicht nach links verlagern sollst.
Deine Unterarme werden langsam hart und du spürst, wie deine Kraft langsam nachlässt. Jetzt solltest du dich voll konzentrieren.
Gleichzeitig telefonierst du via Bluetooth Kopfhörer mit deiner Arbeitskollegin über den nächsten Arbeitsauftrag, während dein Smartphone ständig wegen neuen E-Mails und Benachrichtigungen in deiner Hosentasche vibriert.
Klingt nach einem entspannten Klettertag, oder?
Zum Glück funktioniert Klettern nicht so. Zumindest dann nicht, wenn du wieder heil am Boden ankommen möchtest.
Beim Klettern zählt deine volle Aufmerksamkeit.
Du musst im Moment sein. Du musst wahrnehmen, was du tust, wie du dich bewegst und was der nächste sinnvolle Schritt ist. Du musst deine Körperspannung halten, deine Kraft einteilen und die Situation laufend beurteilen.
Fordert dich eine Kletterroute, bist du so konzentriert, dass für andere Gedanken schlicht kein Platz bleibt.
Singletasking ist beim Klettern keine Schwäche. Es ist eine Voraussetzung.
Was uns in einer anspruchsvollen Kletterroute selbstverständlich erscheint, fällt uns im Alltag erstaunlich schwer.
Und warum machen wir es im Alltag anders?
Wir beantworten E-Mails während eines Telefonats, lesen Nachrichten im Meeting und denken beim Abendessen bereits an die Aufgaben des nächsten Tages.
Multitasking gilt als Zeichen besonderer Leistungsfähigkeit.
Wer alles gleichzeitig erledigt, scheint effizient, belastbar und bestens organisiert zu sein.
Das funktioniert aber nur dann, wenn du eine automatisierte Tätigkeit mit einer einfachen Tätigkeit kombinierst, die wenig bewusste Aufmerksamkeit erfordert.
Und mal ehrlich, dass schafft jeder:
Wäsche falten und Podcast hören, gemütlich wandern und ein Gespräch führen, Im WC sitzen und Smartphone swipen.
Gratulation: Auch du bist ein Multitasker!
Welch eine besondere Stärke. 😉
Doch sobald es anspruchsvoll wird, sieht die Sache anders aus.
Beim Klettern kannst du auf einer einfachen Passage vielleicht noch entspannt mit deinem Kletterpartner sprechen. Sobald die Route anspruchsvoller wird, verändert sich das. Deine Aufmerksamkeit richtet sich auf den nächsten Griff, die Fußposition und deine Bewegung. Du reduzierst alles, was dich ablenkt.
Genau diese Fähigkeit ist auch im Berufsleben wertvoll: zu erkennen, wann du mehrere Dinge kombinieren kannst und wann du deine volle Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache richten solltest.
Das ist für Führungskräfte ebenso relevant wie für den Alltag zu Hause.
Denn wenn wir mehrere anspruchsvolle Tätigkeiten gleichzeitig erledigen wollen, kann unser Gehirn sie nicht einfach parallel mit voller Aufmerksamkeit bearbeiten.
Stattdessen wechselt es rasch zwischen den Aufgaben. Diese Wechsel kosten Zeit und mentale Energie. Sie erhöhen die Fehleranfälligkeit und erschweren es, konzentriert bei einer Sache zu bleiben.
Was bedeutet das für dich?
Das betrifft deine Produktivität, die Qualität deiner Entscheidungen, deine Präsenz in Gesprächen und deine Fähigkeit, nach einem anstrengenden Tag zur Ruhe zu kommen.
Meine Empfehlung:
Trainiere SINGLETASKING. Nicht deine Ablenkbarkeit.
Das bedeutet, dich voll und ganz auf eine Sache zu konzentrieren. Eine Aufgabe beginnen, dranbleiben und sie abschließen, bevor du dich der nächsten widmest.
Klingt einfach? Ist es heute oft nicht mehr.
Zu viele Ablenkungen kämpfen um unsere Aufmerksamkeit. Umso wichtiger ist es, den eigenen Fokus bewusst zu trainieren.
So kannst du es umsetzen:
Setze Prioritäten: Entscheide, welche Aufgabe jetzt wirklich wichtig ist.
Schaffe Fokuszeiten: Arbeite für einen festgelegten Zeitraum ungestört an einer Sache.
Reduziere Ablenkungen: Lege dein Smartphone weg und schalte Benachrichtigungen aus.
Sei präsent: Wenn du mit einem Mitarbeiter, deiner Partnerin oder deinen Kindern sprichst, dann sei auch wirklich da.
Schließe ab: Beende einen klar definierten Arbeitsschritt, bevor du dich dem nächsten widmest.
Und wenn du abschweifst? Kein Problem. Das passiert. Entscheidend ist, dass du bemerkst, was gerade passiert, und deine Aufmerksamkeit bewusst zurückholst.
Und jetzt eine Frage an dich:
Wann hast du dich zuletzt eine ganze Stunde lang auf eine einzige Sache konzentriert, ohne dich ablenken zu lassen?
Vielleicht ist genau das dein nächstes Trainingsziel.
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