Zwischen Gipfelglück und Risiko

Warum Gruppen auf Skitouren nicht nur an mangelnden Wissen zu riskant unterwegs sind.

Teambuilding, Teamcoaching, Teamentwicklung_Outdoor_Rene Guhl_Coach und Trainer
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Was unsere Entscheidungen verzerrt

In der Forschung wird seit vielen Jahren darüber gesprochen, warum Menschen, selbst mit hoher Erfahrung zu fehlerhaften Urteilen kommen. Meist denken wir dabei an klassische Denkfehler wie Bestätigungsfehler, Überoptimismus oder den sogenannten Tunnelblick. Diese systematischen Verzerrungen nennt man „Bias“. Weniger bekannt, aber mindestens genauso wirksam, ist ein zweiter Faktor: Noise.

Im Buch Noise beschreibt der Weltbestsellerautor Daniel Kahneman, Olivier Sibony und Cass Sunstein ein Phänomen, das in Organisationen, in Medizin, in der Justiz und genauso im alpinen Raum eine enorme Rolle spielt: Nicht nur falsche Denkmuster verschlechtern Entscheidungen, sondern vor allem die zufällige Streuung in unseren Urteilen. Genau diese Streuung bezeichnen die Autoren als Noise.

Noise erzeugt kein inneres Warnsignal.

Während ein Bias unsere Entscheidungen in eine bestimmte Richtung verschiebt, sorgt Noise dafür, dass Entscheidungen ungleichmäßig und unberechenbar schwanken. Zwei Menschen beurteilen dieselbe Situation unterschiedlich.Oder dieselbe Person kommt bei gleicher Ausgangslage an zwei verschiedenen Tagen zu einem anderen Schluss. Das Entscheidende dabei ist: Beide Urteile fühlen sich jeweils stimmig an. Noise erzeugt kein inneres Warnsignal. Genau deshalb bleibt er meist unbemerkt.

Eine einfache Metapher macht den Unterschied greifbar: Ein Bias ist wie ein falsch eingestellter Kompass (Nadelabweichung). Er zeigt konstant in die falsche Richtung. Noise ist wie eine zitternde Kompassnadel. Sie schwankt, obwohl sich die Umgebung nicht verändert hat. Beides führt vom Kurs ab. Doch während wir über Denkfehler inzwischen viel sprechen, bleibt das Zittern unserer inneren Nadel meist unsichtbar.

Im alpinen Gelände

Überträgt man diese Theorie auf Skitouren in Gruppen, wird schnell klar, wie relevant dieses Thema in der Praxis ist. Denn Entscheidungen im alpinen Gelände entstehen nie unter Laborbedingungen. Sie entstehen unter körperlicher Belastung, unter Zeitdruck, bei wechselnden Wetterverhältnissen, in sozialer Dynamik und oft auch unter dem stillen Wunsch, dass sich der Tag „lohnen“ möge. Genau diese Mischung verstärkt Noise.

Jede Person gewichtet für die Entscheidungsfinduhng anders.

Ich erlebe in Gruppen immer wieder, dass bei eine Skitour im Vorfeld bei der Tourenplanung unterschiedliche Einschätzungen entstehen. Eine Person empfindet die Situation als noch gut kontrollierbar, eine andere bereits als kritisch. Beide verfügen über die selbe Ausbildung und Erfahrung, beide argumentieren nachvollziehbar und dennoch liegen ihre Urteile deutlich auseinander. Dieses Auseinanderliegen ist meist kein Mangel an Kompetenz. Es ist Ausdruck unterschiedlicher innerer Bewertungsmuster. Hier kommt es zu sogenannten individuellen Entscheidungsmustern: Jede Person gewichtet Hinweise, Informationen, Gefahren und Unsicherheiten unbewusst anders.

Hinzu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Einflussfaktor: die eigene Tagesform. Müdigkeit, Hunger, private Belastungen, Stress oder ein fordernder Aufstieg verändern unsere Wahrnehmung. Die gleiche Person entscheidet am Vormittag oft anders als am Nachmittag. Nicht, weil neue Fakten hinzugekommen wären, sondern weil sich der innere Zustand verändert hat. Auch das ist Noise: situative Schwankung in der Urteilsqualität.

Die Gruppendynamik

In Gruppen wirkt zusätzlich ein sozialer Verstärker. Häufig reicht eine frühe Wortmeldung, ein kurzer Kommentar oder eine erste Tendenz, damit sich andere unbewusst anschließen. Nicht, weil sie ihre Einschätzung überprüft hätten, sondern weil sie dazugehören wollen, Harmonie wahren oder Konflikte vermeiden möchten. Gerade in Gruppen mit hohem gegenseitigem Vertrauen oder mit klaren Rollen kann diese Dynamik besonders stark sein. Das Ergebnis ist nicht zwangsläufig eine falsche Entscheidung, aber eine Entscheidung, die stärker vom Gruppenkontext als von der tatsächlichen Lage beeinflusst ist.

Missverständnis: Wenn alle ausreichend Erfahrung haben, entstehen automatisch gute Entscheidungen.

Ein weit verbreitetes Missverständnis im alpinen Raum lautet: Wenn alle ausreichend Erfahrung haben, entstehen automatisch gute Entscheidungen. Die Forschung zeigt jedoch ein anderes Bild. Das Hauptproblem liegt nicht im fehlenden Wissen, sondern in der Streuung der Einschätzungen. Diese Streuung wird in Gruppen selten sichtbar gemacht. Meist wird diskutiert, argumentiert und überzeugt. Und das ohne vorher zu klären, wie unterschiedlich die Ausgangsbewertungen überhaupt sind.

Eine der zentralen Empfehlungen lautet daher: Gute Entscheidungen entstehen nicht durch starke Einzelmeinungen, sondern durch saubere Entscheidungsprozesse vor und während der Tour. Für die Praxis lässt sich das gut umsetzen. Eine solide Tourenplanung mit einer klaren faktenbasierten Entscheidungsstrategie bildet dabei immer die Basis. Und vor Ort auf Skitour zB. vor einer Schlüsselstelle, wie etwa einem steilen Hang (ab 30 Grad), einer Aufstiegs- oder Abfahrtsvariante oder einem klaren Umkehrpunkt lohnt es sich, die individuelle Einschätzung bewusst zu trennen. Jede Person bewertet für sich die Schneesituation, das Gelände, den Gruppenfaktor und das eigene Bauchgefühl. Erst danach werden die Einschätzungen kurz gesammelt. Nicht, um sofort zu diskutieren, sondern um sichtbar zu machen, wie groß die Spannweite tatsächlich ist. Der Schlüssel ist also eine offene und klare Kommunikation.

In der Praxis zeigt sich dabei häufig, dass die Unterschiede deutlich größer sind, als die Gruppe erwartet hätte. Allein dieses Sichtbarmachen reduziert Noise. Denn erst wenn klar ist, wo die Einschätzungen auseinandergehen, kann ein echter Austausch entstehen. Erst dann stellt sich nicht mehr die Frage „Wer hat recht?“, sondern „Was sehe ich anders als du, und warum?“.

Für mich als Coach und Berg- und Skiführer ist genau hier die Verbindung zur Selbstführung besonders deutlich. Nicht die objektive Lawinengefahr ist allein entscheidend, sondern der innere Zustand, in dem wir unsere Entscheidungen treffen. Bin ich müde? Stehe ich unter Zeitdruck? Hänge ich emotional an dieser Tour? Möchte ich heute unbedingt liefern oder Erwartungen erfüllen? Reagiere ich gerade oder entscheide ich bewusst?

Noise fühlt sich nicht wie ein Fehler an

Das Tückische an Noise ist, dass es sich nicht wie ein Fehler anfühlt. Es fühlt sich an wie eine ganz normale, nachvollziehbare Entscheidung. Oft erkennen wir erst im Rückblick, dass wir an einem anderen Tag anders entschieden hätten. Aber nicht wegen neuer Informationen, sondern wegen eines anderen inneren Zustands.

Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit Gruppen am Berg lässt sich deshalb ein einfaches Fazit ziehen: Gute Entscheidungen bei Skitouren entstehen nicht ausschließlich durch noch mehr Wissen, noch mehr Erfahrung oder noch mehr Diskussion. Sie entstehen durch Struktur, durch bewusste Trennung von Einschätzung und Austausch. Und vor allem durch die Fähigkeit, sich selbst im Entscheidungsprozess wahrzunehmen.

Wer sich selbst gut führen kann, trifft auch im Gelände klarere Entscheidungen. Und genau darin liegt für mich einer der wichtigsten, oft unterschätzten Sicherheitsfaktoren am Berg.

Transfer in den Berufsalltag

Was am Berg in einer Skitourengruppe passiert, lässt sich erstaunlich gut auf den Berufsalltag übertragen. Auch in Teams und Führungssituationen entstehen Entscheidungen selten unter idealen Bedingungen. Zeitdruck, unterschiedliche Persönlichkeiten, Erwartungen von außen oder die eigene Tagesform beeinflussen unsere Einschätzungen oft ohne dass wir es bemerken. Genau wie am Berg können deshalb mehrere erfahrene Menschen zur gleichen Situation völlig unterschiedliche Bewertungen haben.

Wer sich dessen bewusst ist, kann auch im Unternehmen bessere Entscheidungen treffen: indem Einschätzungen zuerst getrennt gesammelt werden, unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht werden und erst danach gemeinsam entschieden wird. Ob im Meetingraum oder im steilen Hang:

Gute Entscheidungen entstehen nicht nur aus Wissen und Erfahrung, sondern aus klaren Entscheidungsprozessen und bewusster Selbstführung.

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